Ein Dorf in seiner Gesamtheit.

Im Süden des Kreises Eckartsberga, nahe der Grenze Thüringens, liegt das Dorf Rothenberga, das heute rund 320 Einwohner zählt. In alten Urkunden wird es auch als Rothenberga am Heermannsberge bezeichnet. Im Westen an den Hang dieses Berges gelehnt, und von Norden her durch die nach Lossa ansteigenden Höhen beschützt, hat es nach Süden einen freien Blick auf die Waldungen, die zum Teil schon dem Thüringer Lande angehören. Auch nach Osten kann man seine Lage als beschützt, das heißt in die Landschaft eingebettet, bezeichnen. Wie man den Namen des Dorfes deuten soll, ist fraglich. Geht man auf die Gründung zurück, so muss man an „roden“ denken, denn Schlüter weist Rothenberga mit Eckartsberga und Steinburg einer besonderen Abteilung der vierten Sielungsperiode zu, die ins 10. Jahrhundert gehört. Und damals begannen die Siedler schon in den Tälern aufwärts zu wandern, um auf die Höhen durch Roden neues Siedlungsland zu gewinnen. Andererseits könnte man annehmen – was aber weniger wahrscheinlich ist – dass hier auf dem roten Sandstein angespielt worden ist. 1525 findet man den Ortsnamen z. B. als „Der Rote Berg“ angeführt.

I. DER BODEN

Die geologische Entwicklung der weiteren Umgebung Rothenbergas.
Das Dorf hat schon eine lange geschichtliche Vergangenheit, von der an anderer Stelle berichtet werden soll. Zunächst soll der Grund und Boden einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, da doch eine Wechselbeziehung zwischen Siedler und Scholle besteht, die sich am besten so zusammenfassen lässt, dass der Mensch gestaltend am Kulturboden schafft, jedoch in seinem Wirken vom Aufbau des Bodens abhängig ist. Rothenberga steht auf Sandsteinboden und gehört damit der großen Triasformation an, zu der noch Muschelkalk und Keuper rechnen. Nun sind die Dorfgrenzen viel zu eng, um einen geologischen Überblick zu gewinnen. Es müssen hierzu wenigstens die Finne, Schmücke und Schrecke betrachtet werden.

Vor der Bildung der Triasformationen entstanden die Kalisalzlager im Zechstein. Nord- und Mitteldeutschland bedeckte damals ein flaches Meer, das durch eine Landbarre vom großen Weltmeer getrennt war. Das Wasser des Zechsteinmeeres verdunstete, wurde aber durch Ozeanwasser ergänzt, das an den Durchbruchsstellen der Barre eindrang. Damit stieg der Salzgehalt bis es zur Auskristallisation kam. Tonreicher Wüstenstaub deckte die Salzlage ab. Regen verursachte eine teilweise Umkristallisation der oberen Schichten zu Hartsalz, Sylviniet, Karnallit und Steinsalz. Weitere Umsetzungsprodukte sind Kainiet und jüngeres Steinsalz. Nun überschwemmte das Meer die Salzlager und bildete eine Schicht Salzton, die die Kalisalzlager bis auf die heutige Zeit vor der Auflösung schützten.
Die Ufer des Zechsteinmeeres bildeten Sandwüsten mit trockenem heißen Klima. Der Sand, der bis 1000 m mächtig war, entstand als Verwitterungsprodukt der Tiefen- und Ergussgesteine. Frost, Hitze, Wasser und Sauerstoff haben die sonst harten Steine zermürbt. Die Quarzkörnchen wurden durch Wind und Wasser verfrachtet, sanken in Schichten auf den Meeresboden, wo sie in Ton eingebettet ruhten. Die jeweilige Farbe des Tones bestimmte die Farbe des Sandsteines, der sich durch den Druck der überlagernden Gesteine bildete. Die anderen Zerfallsprodukte der Tiefe- und Ergussgesteine wurden anderweitig abgelagert und halfen fruchtbares Erdreich bilden.

Beim Vorstoß des Meeres in die Wüste dampfte die Sonne das Meerwasser wieder ein, so dass über den Salzlagern des Zechsteines neue Salzstöcke und Gipslager wuchsen. Das Meer, jetzt Triasmeer genannt, rückte weiter in die Wüste vor und bleib flach. Die Kalkgehäuse von Muscheln und anderen Tieren sanken in unzähligen Mengen zu Boden und bildenden so Kalklager. Zu diesem Muschelkalk kamen Ton, Quarz und im Meerwasser gelöster Gips. Als das Triasmeer in der Keuperzeit bei seinem Kampfe mit dem Lande öfter aus Mitteldeutschland weichen musst, blieben Seen zurück, an denen üppige Wälder wuchsen. Alte Stämme stürzten in den See. Der Schlamm schloss sie luftdicht ab, so dass keine Verwesung eintreten konnte, sondern Lettenkohle entstand. Sand, Ton und Mergel setzten sich als Keuper auf den Sandstein.

In unserem Kreisgebiet ist die Entwicklung so zu denken; dass sich der Meeresboden senkte, während der Meeresspiegel gleich hoch blieb. Nur so ist es zu erklären, dass sich die dicken Schichten von Muschelkalk und Keuper auf den Sandstein auflagern konnte. Schließlich lag, als das Triasmeer ganz zurücktrat, unsere Heimat flach und eben da mit folgender Schichtung von unten nach oben: Bundsandstein, Muschelkalk und Keuper. Nun setzte eine neue, aber nur teilweise Senkung ein. Südlich der Linie von Sachsenburg über Rastenberg nach Eckartsberga sanken ganze Schollen in die Tiefe. Nun hatte das Wasser Gelegenheit Keuper und teilweise Muschelkalk in die Tiefe zu spülen, so dass auf der Finne und Schrecke heute Bundsandstein ansteht. Eine dicke Schicht Geschiebemergel muß noch erwähnt werden, die als Geschenk der Eiszeit weite Strecken Deutschlands und damit auch unseren Heimatboden bedeckte. Der Mergel bildete sich aus den Grundmoränen der Gletscher, die aus erratischem Schutt bestanden und kohlensauren Kalk, reichlich Kali und Phosphorsäure enthielt. Durch diesen Mergel kann auch dort noch Ackerbau getrieben werden, wo sonst nackte Felsen oder Sandböden sein würden.

Die geologischen Gegebenheiten in Rothenberga.
An diesen geologischen Gegebenheiten hat Rothenberga insoweit Anteil, als es seinen Ackerboden der Eiszeit verdankt. Die Decke ist bei der meist bergigen Lage der Pläne gewöhnlich nicht dick, weshalb immer wieder Steine ausgeackert werden, die dann abgelesen werden müssen. Die meisten Äcker des Dorfes liegen zwischen Bonität 3 und 6. Sie haben sandigen Lehmboden oder lehmigen Sandboden. Der Bundsandstein- Untergrund tritt in den Steinbrüchen am Steinberg und hinter der Lochmühle zutage. Er wird von der Gemeinde und den Privatbesitzern benutzt.
Im Süden des Dorfes hat sich die Gemeinde und im Westen das Rittergut eine Lehmgrube angelegt. Die Kalisalzlager finden sich in aller nächster Nähe, nämlich in Lossa, Bernsdorf und Rastenberg. Sie sind heute bereits wieder stillgelegt, haben aber einen merklichen Einfluss auf die genannten Ortschaften gehabt. Kalkboden findet sich in der weiteren Umgebung, wenn man nach Schafau oder Rastenberg wandert. Beide male überschreitet man die schnurgerade Linie der Finnestörung, die Sandstein und Kalk scheidet. Keuper findet sich noch weiter südlich in der Buttstädter Senke.

Der bodenständige Hausbau.
Aus solchem Grund und Boden sind im Dorf Rothenberga auch die Häuser entstanden. Die Grundmauern und der Sockel bestehen aus behauenen Bundsandsteinquadern. Darauf baut man dann mit Lehmbacksteinen, die selbst vom wohlhabensten Bauern aus Lehm und Spreu geformt, in der Sonne getrocknet und auf Vorrat gestapelt werden. Das Balkenwerk wird den umliegenden Wäldern entnommen und das Dach mit Stroh oder Schindeln gedeckt. Diese Bauweise hatte den Vorteil, dass im Winter die Räume warm und im Sommer kühl waren. Heute verwandelt man natürlich gebrannte Ziegel aus Lossa oder Rastenberg, und die Dächer haben eine Decke aus Biberschwänzen. Es dürfte wohl auch einige Schwierigkeiten machen, einen Mann zu finden, der noch einen zünftigen Reiter setzen und ein kunstgerechtes Dach aus „Schewenstroh“ decken kann. Beim Scheunenbau wurde statt der Lehmbacksteine auf dem Steinsockel die Setzwand aufgetragen. 50 cm breit und 1 m hoch wurde der mit Streu gemengte und mit den bloßen Füßen gestampfte Lehm gesetzt. Damit er trocknete, wurde er abgedeckt, wozu man Säcke und Bretter nahm. War er fest genug geworden, so folgte die nächste Schicht. Zuvor stach man aber mit einem Spaten die Wände von oben her schön glatt.

Aus den einstöckigen Häusern sind inzwischen zweistöckige geworden. Auch das Innere der Gebäude ist zeitgemäß ausgestattet, während man früher nur eine Stube dielte und die anderen Kammern mit gestampftem Lehmboden versah.
Betrachtet man die Hausform, so herrscht der fränkische Hof vor. Das Wohnhaus steht mit der Giebelseite zur Straße und umschließt mit den Stallgebäuden den rechteckigen Hof, der mit einem großen Tor abgeschlossen ist. Von der Wohnstube kann man durch die Fenster der Giebelseite die Straße und durch die Fenster der Längswand den Hof übersehen. Wo man das Wohngebäude mit der Längsseite zur Straße findet, ist es meist später um- oder nachgebaut worden. Als Ganzes rechnet das Dorf Rothenberga zu den Straßendörfern. Jedem Gehöft ist ein Garten zu eigen, der meist hinter dem Hause liegt.

Die Bodenbenutzung
Der Ackerboden, von dessen Entstehung und Beschaffenheit oben gesprochen wurde, bildet die Grundlage für die bäuerlichen Wirtschaften des Dorfes. Er hat natürlich auch seine Entwicklung hinter sich, denn die Bodenbearbeitung wurde früher anders betrieben als heute. Das hat seinen Grund in der Einwohnerzahl, die früher geringer war. Die geruhsamen Zeiten wussten noch nichts von intensiver Landwirtschaft und künstlicher Düngung, die in Rothenberga erst einige Jahre vor dem Weltkriege Eingang fand. Dreifelderwirtschaft mit Winterfeld, Sommerfeld und Brache wurde von den Bauern im Dorfe genau so selbstverständlich angewandt, wie vom Pächter des Rittergutes. Was der natürliche Dünger dem Boden nicht gab, musste die Brache bringen. Die Erschließung der in nächster Nähe des Dorfes gelegenen Kalischächte half neben anderen Kunstdüngerarten den Boden verbessern und den Ernteertrag erhöhen.

Eine große Rolle spielte in der Zeit vorher der Austrieb des Viehes, an die die Flurteile „untere und obere Trift“ heute noch erinnern. Wie genau man dabei verfuhr, zeigen die Bestimmungen, die die Separationsakten von 1834 darüber enthalten. Die Äcker und bestimmt Hütungsreviere wurden vor dem Rindvieh, den Schafen, den Schweinen und Gänsen abgeweidet. Die Wiesen und einige bestimmte Holzreviere waren nur für das Rindvieh und die Schafe frei. Zu den im Rezess genannten Hütungsreviere gehörte unter andern auch der „Scherplatz“. Dieser Flurname erinnert an die damals in hoher Blüte stehende Schafzucht, galt doch zu der Zeit noch das alte Bauernwort „die Bienen und die Schaf ernähren den Bauern im Schlaf“. Auf diesem Scherplatze wurden die Schafe geschoren, nachdem man sie im sogenannten „Alten Teiche“ gewaschen hatte. Denn der Aufkäufer verlangte die Wolle, im Gegensatz zu heute, gewaschen. Das Rittergut, ehemals ein zu Wiehe gehöriges Vorwerk, hatte als solches schon vor dem 30-jährigen Kriege ständig 1000 Schafe. In den letzten Jahrzehnten sind es immer rund 300 Stück gewesen, während die Gemeinde seit 1929 ihre Schafzucht ganz hat eingehen lassen.

Was man früher in Rothenberga so aus dem Boden nahm, kann man noch aus alten Verzeichnissen erfahre, die die Aufzeichnung der Kriegsschäden enthalten. Dabei wird 1813 angegeben, dass man auch Erdbirnen einbüßte, also eine Frucht, die man heute im Dorfe nicht mehr anbaut. Merkwürdigerweise fehlen die Kartoffeln bis auf zwei Fälle, so dass man daraus schließen kann, dass ihr Anbau noch nicht allgemein war. Flachs und Leinwand werden in den Verlustanzeigen oft genannt. Man baute den Flachs nicht nur an, sondern bearbeitete ihn auch und webte in vielen Häusern des Dorfes. Mit der fabrikmäßigen Verarbeitung schwanden dann die Webstühle und die anderen Geräte aus den Stuben. Der Anbau ließ ganz bedeutend nach und von der schönen alten Spinnstube blieb nur der Name übrig. Der Samen des Leines wurde in der Ölmühle zu Öl geschlagen und die Rückstände dem Vieh gefüttert. Die Ziegel- und die Lochmühle haben früher je einen Gang für eine Ölmühle gehabt. Erwähnenswert ist noch, dass die Gemeinde eine besondere Rösteordnung, nach der am Dorfbache auf dem Anger das Einlegen des gebündelten Flachses zu erfolgen hatte. Jeder musste gewissenhaft Reihe halten, wenn er den Flachs ins Wasser brachte. Die Bündel wurden mit Steinen beschwert, die man nach dem Rösten am Bachrande in gehöriger Ordnung aufzuschichten hatte. Eine weitere ölhaltige Frucht ist „Ripsen“. Rüben, besonders Zuckerrüben wurden erst kurz vor dem Weltkriege angebaut. Ihre Abfuhr machte Schwierigkeiten, da sie nach dem Bahnhof in Rastenberg gebracht werden mussten, wo es wieder langen Aufenthalt gab, weil jede Fuhre bahnamtlich zu verwiegen war. Eine eigene Verladestelle bekam Rothenberga erst 1914. Der Anbau der Getreidearten wird keine besondere Änderung erfahren haben, nur dass sich die Ertragsmenge infolge der Bodenbearbeitung und er Einführung landwirtschaftlicher Maschinen heute wesentlich gesteigert hat.

Gemessen wird der Acker heute amtlich nach Hektar und Ar, aber der Bauer in Rothenberga und den umliegenden Dörfern auf der Finne misst für seinen Hausgebrauch nach Morgen und Ruten (ein Morgen ist 180 Quadrattuten). Wenigstens wurde den landwirtschaftlichen Arbeitern vom Rittergute das Deputatland noch stets mit der Ture in der Hand zugemessen. Im angrenzenden Weimarer Gebiet findet man dagegen heute noch den sog. Weimarschen Acker. Als Rothenberga noch zu Kursachsen gehörte, bestimmte man die Ackergröße nach der Aussaatmenge, weshalb manchmal ein Wechsel im Maß eintrat. Im Flurläufer von 1766 heißt es: „sämtliche Grundstücke sind nach Ackern angegeben, und auf einen Acker = 1 Naumburger oder ¾ Dresdner Scheffel Aussaat gerechnet worden und machen 30 der gleichen Acker eine Hufe“.