Das Reh, ein ständiger gast im Rastenberger Wald.

Reh

Das Reh, der stille Besucher unserer Landschaft

Wer morgens durch die Thüringer Landschaft fährt oder in der Dämmerung unterwegs ist, kennt diesen Anblick: Am Waldrand steht ein Reh, den Kopf aufmerksam erhoben. Für einen kurzen Moment bleibt es stehen, bevor es mit wenigen Sprüngen im Gebüsch verschwindet.

Das Reh (Capreolus capreolus) gehört zu den bekanntesten Wildtieren Deutschlands. Und obwohl es so vertraut wirkt, bekommt man es meist nur für wenige Sekunden zu sehen. Es lebt mitten unter uns – in Wäldern, auf Wiesen, an Feldrändern und zunehmend auch in einer vom Menschen geprägten Kulturlandschaft.

Ein echter Thüringer

Thüringen bietet dem Reh nahezu ideale Lebensbedingungen. Wälder wechseln sich mit großen Ackerflächen, Wiesen, Streuobstwiesen und Hecken ab. Gerade diese Mischung aus Deckung und offenen Flächen kommt dem Reh entgegen.

Anders als viele Menschen vermuten, ist das Reh nämlich kein reines Waldtier. Es nutzt den Wald vor allem als Rückzugs- und Ruheplatz und sucht seine Nahrung häufig auf Wiesen, an Feldrändern oder auf jungen Pflanzenbeständen.

Gerade in den abwechslungsreichen Landschaften Thüringens kann man Rehe deshalb regelmäßig beobachten – besonders früh am Morgen oder in den Abendstunden.

Reh und Hirsch – nicht dasselbe

Ein weit verbreiteter Irrtum hält sich hartnäckig: Das Reh sei das weibliche Tier des Hirsches. Das stimmt nicht.

Reh und Rothirsch sind zwei verschiedene Tierarten.

Das männliche Reh heißt Rehbock, das weibliche Tier Ricke. Das Jungtier wird Kitz genannt. Der ausgewachsene Rehbock trägt ein kleines Geweih, das jedes Jahr neu gebildet und im Herbst wieder abgeworfen wird.

Mit dem stattlichen Rothirsch hat das zierliche Reh also nur die Zugehörigkeit zur Familie der Hirsche gemeinsam.

Das Kitz – gut versteckt statt allein gelassen

Besonders im Frühjahr und Frühsommer begegnen Menschen gelegentlich kleinen Rehkitzen, die scheinbar ganz allein auf einer Wiese liegen.
Doch genau das ist normalerweise kein Grund zur Sorge.

Die Ricke lässt ihr Kitz bewusst zurück, während sie auf Nahrungssuche geht. Das Kitz verhält sich instinktiv ruhig und bleibt regungslos liegen. Dadurch ist es für Fressfeinde schwerer zu entdecken.

Die wichtigste Regel lautet deshalb:

Ein allein liegendes Rehkitz ist nicht automatisch verlassen.

Man sollte es keinesfalls anfassen oder mitnehmen. Auch Hunde sollten von einem Kitz unbedingt ferngehalten werden. Die Ricke ist meist in der Nähe und kehrt zu ihrem Nachwuchs zurück.

Warum Rehe häufig am Feldrand zu sehen sind

Rehe sind sogenannte Konzentratselektierer. Sie bevorzugen energiereiche und leicht verdauliche Nahrung und fressen unter anderem junge Triebe, Blätter, Kräuter, Knospen und Feldfrüchte.

Deshalb sind sie in einer Landschaft wie der Thüringens häufig dort anzutreffen, wo verschiedene Lebensräume aufeinandertreffen: am Waldrand, auf Wiesen, an Hecken oder zwischen Feldern.

Gerade die Feld-Wald-Grenzen sind für Rehe besonders interessant. Sie bieten gleichzeitig Nahrung und Schutz.

Der Wechsel zwischen Wald und Feld

Wer einmal beobachtet hat, wie ein Reh über einen Acker läuft, erkennt schnell, wie erstaunlich schnell diese Tiere sein können. Bei Gefahr können Rehe mit kraftvollen Sprüngen flüchten und dabei Geschwindigkeiten von deutlich über 50 km/h erreichen.

Ihre typische Flucht führt häufig nicht einfach geradeaus. Mit schnellen Richtungswechseln und Sprüngen versuchen sie, Hindernisse zu überwinden und möglichst schnell Deckung zu erreichen.

Das erklärt auch, warum ein Reh auf einer Straße manchmal völlig unerwartet auftaucht.

Vorsicht auf Thüringens Straßen

Gerade im Frühjahr und Herbst ist deshalb besondere Aufmerksamkeit gefragt. Rehe wechseln regelmäßig zwischen ihren Lebensräumen und können dabei Straßen queren.

Besonders kritisch sind die Stunden in der Dämmerung, wenn die Tiere aktiv werden.

Taucht ein Reh am Straßenrand auf, sollte man deshalb die Geschwindigkeit reduzieren und mit weiteren Tieren rechnen. Rehe sind häufig nicht allein unterwegs. Springt ein Tier über die Straße, können weitere unmittelbar folgen.

Eine Vollbremsung ist in vielen Situationen sicherer als ein hektisches Ausweichen. Das gilt insbesondere bei höherem Tempo und Gegenverkehr.

Ein Tier, das sich an uns angepasst hat

Das Reh kommt mit der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft erstaunlich gut zurecht. Wälder, Felder, Wiesen, Hecken und kleinere Gehölze bilden ein Mosaik, das ihm zahlreiche Lebensmöglichkeiten bietet.

Doch diese Anpassungsfähigkeit bedeutet nicht, dass jede Landschaft automatisch ein guter Lebensraum ist. Hecken, Feldgehölze, ungemähte Randbereiche und strukturreiche Waldränder sind wichtige Rückzugsräume.

Auch die zunehmende Zerschneidung der Landschaft durch Straßen und Siedlungen kann für Wildtiere zum Problem werden.

Wenn der stille Besucher auftaucht

Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Nähe und Distanz, die das Reh so faszinierend macht. Es ist kein exotisches Tier. Es lebt direkt vor unserer Haustür.

Und trotzdem bleibt eine Begegnung etwas Besonderes.

Ein Reh, das früh am Morgen auf einer Wiese steht. Eine Ricke, die vorsichtig aus dem Gebüsch tritt. Ein Rehbock, der am Waldrand verschwindet, sobald er den Menschen bemerkt.

Man muss dafür nicht in einen Nationalpark fahren. Manchmal reicht ein Spaziergang durch die Thüringer Landschaft.

Ein Stück Thüringer Natur

Das Reh gehört zu unserer Landschaft wie der Wald, die Felder und die alten Feldwege. Es ist ein stiller Bewohner, den man meistens erst bemerkt, wenn er sich bewegt.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum eine Begegnung mit einem Reh immer ein kleiner Glücksmoment bleibt.

Wer aufmerksam durch Thüringen geht, wird feststellen: Die Natur ist näher, als man denkt.

Raspedia

Eine kleine Enzyklopädie zur Stadt Rastenberg, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Der Name Raspedia setzt sich aus "Rastenberg" und „Encyclopedia“ (englisch Enzyklopädie) zusammen.

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